Aus dem Leben der marokkkanischen Bevölkerung sind zwei Brauchtümer nicht mehr wegzudenken: Die Tradition der Henna-Bemalung und das Hamam als Ort der Reinigung und Treffpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Zusammen bilden sie auch heute noch die «magischen H's» der marrokanischen Kultur.
Traditionelle Körperreinigung
Die in früheren Zeiten sehr häufigen und hervorragend ausgestatteten islamisch-arabischen Badehäuser (Hamam oder Hammam) sind eine Mischung aus der hoch entwickelten griechisch-römischen und der asiatischen Badekultur. Die orientalische, Jahrhunderte alte Institution dient sowohl der normalen Körperreinigung als auch der vom Koran vorgeschriebenen «Grossen Waschung», die noch heute zu den islamischen Gepflogenheiten gehört.
Öffentliche Badeanstalt
In Marokko findet man in praktisch jedem Viertel eine «öffentliche Badeanstalt», in der nicht nur die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht werden, sondern auch massiert, geknetet, gewaschen und geschrubbt wird. Über ein Badezimmer mit heissem Wasser zu verfügen gehört auf dem Land auch heute noch nicht zum Standard.
Und selbst wer ein eigenes Bad besitzt, verzichtet nur selten auf das Vergnügen eines Hamam-Besuches. Den Frauen ersetzt er den «Café-Treff», denn nur im Hamam ist es ihnen möglich, während Stunden Geheimnisse auszutauschen, Heiratspläne zu schmieden und die weibliche Zurückhaltung, die in islamischen Ländern üblich ist, abzulegen. Öffentliche Hamams werden meist nach Geschlechtern getrennt genutzt: Entweder sind separate Räumlichkeiten vorhanden oder die Besuchszeiten für Männer und Frauen sind unterschiedlich.
Schönheitspflege
Neben dem Reinigen und Schwitzen wird in den Hamams auch viel für die Schönheitspflege getan. Die Männer nutzen die entspannte Atmosphäre für eine Rasur und die Frauen epilieren oder färben sich die Haare mit Henna.
Reinigungsritual
Als Besucher zieht man ein spezielles Handtuch (Pestemal) als Lendenschurz an und betritt das erste und «kühlste»Zimmer. Bereits dieses Dampfbad ist sehr heiss und lässt nur «Dampferprobte» noch einigermassen kühl. Sobald man sich an die Hitze gewöhnt hat, kann man sich in den nächsten Raum wagen. Im heissesten Raum befinden sich der Brunnen mit dem fast kochenden Wasser und ein Hahn mit kaltem Wasser. Dort füllt man die Eimer und sucht sich einen Platz. Es ist üblich, dass man sich gegenseitig beim Waschen hilft. Mit Wasser, Seife und einem harten Waschlappen (Kese) aus Wildseide oder Ziegenhaar werden alle Körperpartien gründlich abgerieben. Diese Behandlung kann anschliessend mit einer Massage von einem Bademeister (Tellak) ergänzt werden. Nach dem Besuch des wamen Dampfbades folgt eine Phase der Erholung und Entspannung in einem kühleren Raum. Diese Abfolge lässt sich beliebig oft wiederholen. Um einen Hamam-Aufenthalt richtig zu geniessen, plant man mindestens 1 1/2 Stunden ein.
Uralte Tradition
Die Tradition, den Körper zu bemalen, ist so alt wie die Menscheit. Für die Verwendung von Henna als Kosmetik-, Färbe- und Heilmittel stammen die ältesten Nachweise aus Indien und dem alten Ägypten (Mumien mit Hennabemalung). Die magische Kraft von Henna entspringt der uralten Vorstellung, dass Henna vor dem «Bösen Blick» schützt.
«Nur an-Nabi»
Henna wird aus den getrockneten und zerriebenen Blättern des Hennastrauches gewonnen. Um den in den Blättern enthaltenen roten Farbstoff nützen zu können, müssen diese an einem dunklen, schattigen Ort getrocknet und zu Pulver gemahlen werden. Die Pflanze, die im Orient sehr beliebt ist, nennt man auch «Nur an-Nabi» («Licht des Propheten»), da diese vom Propheten als sein Lieblingsgewächs bezeichnet wurde. Der Rotton der aus den Blättern gewonnenen Henna ist natürlich. Man kann die Henna mittels synthetischer Produkte auch schwarz färben, manche Leute reagieren jedoch allergisch darauf. Die mit Henna aufgebrachten Symbole haben ihre eigene Bedeutung und sollen meist Glück und Gesundheit verheissen. Je nach religiösen und traditionellen Hintergründen gibt es von Land zu Land grosse Unterschiede der Muster.
Aufwendige Bemalung
Bei der islamischen Hennakunst beschränkt sich das Bemalen meist auf Hände und Füsse. Da nach islamischer Glaubenslehre gegenständliche Bilder wie Tiere oder Menschen nicht abgebildet werden dürfen, ähneln die geometrisch-abstrakten Zeichnungen mit ihren Schnörkeln und Kringeln schmiedeisernen Beschlägen oder feinem filigranen Spitzengewebe. Henna färbt die Haut in einem rot-orangefarbenen Ton. Die Hennakunst ist allein Frauen vorbehalten - nur für Initiationsriten der Beschneidung oder für die Hochzeit werden auch Männer bemalt.
Prozedur
«Nakkacha» sind die marokkanischen Frauen, welche sich in der Malkunst der aufwendigen Bemalung mit der «grünen» Paste spezialisiert haben. Bei Hochzeiten kommen sie bereits mehrere Tage vor dem eigentlichen Fest, um die weiblichen Familienmitgliedern und deren Freundinnen zu bemalen. Henna wird mit warmem Wasser und Zitronensaft angerührt und in einen speziellen Kolben gezogen. Dann beginnt die Malerei mit Blumenmustern, Punkten, Herzen und oft auch einem Auge (Abhalten des «Bösen Blickes» von der Braut).
Das Hennafest am Tag vor der Hochzeit bildet jedoch den Höhepunkt. Dann werden die Füsse und Hände der Braut zeremoniell bemalt. Die «Nakkacha» braucht den ganzen Tag für ihre Arbeit, anschliessend trocknet das Kunstwerk über wohlriechender, glimmender Kohle und wird über Nacht zum Schutz mit Tüchern umwickelt. Je länger die Paste auf der Haut bleibt, desto dunkler wird sie.
Am nächsten Morgen wird die krustige äussere Henna-Schicht entfernt und das Muster noch einmal nachgezeichnet. Die zweimalige Behandlung bewirkt eine intensive Färbung, die bis zu einem Monat hält. Eine derart verzierte Frau wird von ihren Nachbarinnen bewundert und überall mit den Worten «B-sahaa-lhenna» («Trage die Henna bei guter Gesundheit») gegrüsst.
Schutz
Der Legende nach haben die rostfarbenen Muster auch einen praktischen Nutzen: Sie sollen einen der vielen an dunklen, feuchten Orten hausenden Geister anlocken. Gefällt ihm das Muster, wird dessen Trägerin angeblich vor Unglück geschützt oder mit Reichtum und Fruchtbarkeit gesegnet.
Hennablätter und pulver kann man in Marokko beinahe an jeder Strassenecke kaufen.

